Social Gastronomy: Was Gastronomie für Gesellschaft leisten kann

Jeden Tag essen Millionen Menschen in der Außer-Haus-Verpflegung. Was dabei oft unterschätzt wird: Diese Orte entscheiden nicht nur darüber, was auf dem Teller liegt, sondern auch darüber, wie Gesellschaft zusammenlebt.

Gastronomie wird meist entlang bekannter Kategorien gedacht: Qualität, Preis, Effizienz, Nachhaltigkeit. Seltener geht es um ihre soziale Funktion. Dabei passiert genau dort etwas Entscheidendes. Orte, an denen gemeinsam gegessen wird, sind immer auch Orte, an denen gesellschaftliche Beziehungen entstehen.

In der Debatte wird dafür zunehmend der Begriff Social Gastronomy verwendet. Er beschreibt Gastronomie als Teil eines gerechten Ernährungssystems und sozialer Infrastruktur. Essen wird dabei nicht nur als Produkt verstanden, sondern als Ausgangspunkt für Gemeinschaft, Teilhabe und soziale Sicherheit.

Social Gastronomy zeigt sich selten in Konzepten, sondern in konkreten Orten.

Die Beispiele dafür sind so unterschiedlich wie die Kontexte, in denen sie entstehen. Und doch verbindet sie eine zentrale Frage: Wie kann Gastronomie dazu beitragen, dass Gesellschaft besser funktioniert?

Einige Antworten darauf zeigen Projekte aus Brasilien, Italien, den Niederlanden und Berlin.

Social Gastronomy Talk von Kantine Zukunft in Berlin

Kantine-Zukunft-Talk „Social Gastronomy – Impulse für ein gerechtes Ernährungssystem“ im bUm Berlin

Ernährungspolitik, das Recht auf Nahrung und Social Gastronomy

In Brasilien ist der Zugang zu gutem Essen politisch verankert. Mit der „Zero Hunger Strategy“ wurde Ernährungssicherheit als staatliche Aufgabe definiert. Besonders sichtbar wird das in der Schulverpflegung. Jedes Kind an öffentlichen Schulen erhält täglich eine kostenlose Mahlzeit, frisch gekocht und eingebettet in ein System öffentlicher Beschaffung, das gezielt lokale Kleinbetriebe einbindet.

Auch die sogenannten „Popular Restaurants“ verfolgen diesen Ansatz: öffentlich finanzierte Restaurants, die kostengünstige Mahlzeiten für breite Bevölkerungsschichten anbieten und damit konkret Ernährungsarmut entgegenwirken.

Gastronomie ist hier kein isolierter Sektor, sondern Teil eines größeren Gefüges. Sozialpolitik, Bildung und Landwirtschaft greifen ineinander. Wenn Essen als Grundrecht verstanden wird, verändert sich der Blick auf das gesamte System. Die Frage ist dann nicht mehr, wer sich gutes Essen leisten kann, sondern wie Strukturen geschaffen werden, die es allen ermöglichen.

• Juliana Tângari | Instituto Comida do Amanhã (Brasilien)
– Direktorin eines Think Tanks für nachhaltige Ernährungssysteme und Koordinatorin des Urban Food Policy Lab (LUPPA).
Juliana brachte die Perspektive von Ernährungspolitik und Stadtentwicklung beim Talk ein und zeigte, wie Gastronomie Teil struktureller Veränderung werden kann.

Integration durch Gastronomie sichtbar machen

• Caroline Caporossi | Roots & Association for the Integration of Women (Modena, Italien)
– Social Entrepreneurin und Gründerin von AIW und dem Restaurant Roots. Ihr Beitrag zeigte, wie aus einer konkreten lokalen Herausforderung ein langfristiges Modell entstehen kann, das wirtschaftliche Teilhabe, Empowerment und Gastronomie miteinander verbindet.
2022 eröffnete das Social Restaurant "Roots" in Modena, Italien. Im Rahmen kulinarischer Ausbildungsprogramme wechseln die am Projekt teilnehmenden Auszubildenden alle vier Monate durch die Küche und präsentieren dabei vier unterschiedliche Menüs, die ihre jeweiligen Kulturen und Traditionen widerspiegeln.

Das Modell ist konkret. Teilnehmerinnen durchlaufen ein bezahltes Training, das Küchenpraxis, Sprachförderung und individuelle Begleitung verbindet. Gleichzeitig wird ihre Perspektive zum Ausgangspunkt des Restaurants. Die Menüs orientieren sich an den Herkunftsländern der aktuellen Ausbildungsgruppe.

Wer hier essen geht, begegnet nicht nur neuen Gerichten, sondern auch den Geschichten der Menschen dahinter. Das ist kein Nebeneffekt, sondern Teil des Konzepts. Viele der Frauen, die teilnehmen, stoßen auf strukturelle Hürden: fehlende Netzwerke, unsichere Aufenthaltsstatus, begrenzte Anerkennung ihrer Fähigkeiten. Das Restaurant macht diese Kompetenzen sichtbar und überführt sie in konkrete berufliche Perspektiven.

Ein entscheidender Unterschied zu vielen Integrationsprojekten liegt genau darin. Es geht nicht nur um Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern um Präsenz im öffentlichen Raum. Vielfalt wird nicht ausgeglichen, sondern prägt das Angebot. Oder anders gesagt: Sie ist nicht das Problem, sondern die Grundlage des Erfolgs.

Dass Gastronomie auch im Kleinen große gesellschaftliche Wirkung entfalten kann, zeigt ein Projekt aus Modena. Dort entstand aus einer persönlichen Initiative das Social Restaurant Roots, verbunden mit einem Ausbildungsprogramm für migrantische Frauen.

Community Kitchens und solidarische Gastronomie

Ein ganz anderes Modell zeigt sich in Amsterdam. De Sering ist Restaurant, Nachbarschaftsort und solidarische Infrastruktur zugleich. Gäste zahlen, was sie können. Zwischen wenigen Euros und einem regulären Preis ist alles möglich.

Ein voller Raum, Fremde sitzen gemeinsam an den langen Tischen und kommen miteinander ins Gespräch. Genau dieser Moment ist Teil des Konzepts. Doch hinter dieser scheinbar einfachen Idee steckt ein komplexes Gefüge. Die Küche wird maßgeblich von einer großen Community getragen, viele Menschen engagieren sich ehrenamtlich. Nach dem Service verwandeln sich die Räume in Orte für Workshops, Konzerte oder politische Treffen.

Was hier sichtbar wird, ist oft unsichtbar, wenn über Gemeinschaft gesprochen wird. Sie entsteht nicht von allein. Sie braucht Organisation, Verlässlichkeit und Beteiligung. Und sie braucht ein klares Selbstverständnis. Projekte wie De Sering funktionieren, weil sie ihre Haltung transparent machen und ihre Nutzerinnen und Nutzer aktiv einbeziehen.

Interessant ist auch der wirtschaftliche Aufbau. Um die solidarische Struktur langfristig zu sichern, wurde ergänzend ein Catering und Fine-Dining-Format entwickelt. So entsteht eine Querfinanzierung, die Unabhängigkeit ermöglicht.

(c) De Sering

"De Sering" ist eine vegane, ehrenamtliche Community-Küche mit drei Standorten in Amsterdam, zwei sind sogenannte "Folks Keuken", einer das Fine-Ding-Lokal "TestTafel".
• Sophia Zhukovsky | De Sering (Amsterdam, Niederlande)
– Projektmanagerin bei "De Sering". Sie sprach darüber, wie durch gemeinsames Kochen niedrigschwellige Räume für Begegnung, Engagement und Selbstorganisation entstehen.

Gute Ideen reichen nicht aus: Warum Social Gastronomy Projekte scheitern können

Wie fragil viele dieser Ansätze sind, zeigt der Blick auf gescheiterte Projekte. Eine Erfahrung aus der Forschung zu Social Supermarkets bringt das auf den Punkt:

„It failed because it was my dream, not the dream of the community.“

Gute Ideen allein reichen nicht aus. Projekte können professionell und gut gemeint sein und trotzdem scheitern, wenn sie an den Bedürfnissen der Menschen vorbeigehen.

Gleichzeitig existieren vielerorts informelle Strukturen, die viele Probleme rund um Zugang zu Lebensmitteln, Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit längst lösen. Oft getragen von migrantischen Communities, ohne Sichtbarkeit, aber mit tiefem Verständnis für lokale Bedarfe.

Die entscheidende Erkenntnis: Erfolgreiche Projekte entstehen mit den Menschen, nicht für sie.

Kavita Meelu beim Kantine-Zukunft-Talk
Kulturanthropologin und Community-Organizerin Kavita Meelu richtete die Perspektive beim Talk zurück nach Berlin und gab ihren persönlichen Eindruck der lokalen Social-Gastronomy-Landschaft wieder.

Konkrete Einblicke

Wie diese unterschiedlichen Ansätze konkret aussehen, zeigt die Aufzeichnung der Impulse:

Im Video geben die Speakerinnen Einblicke in Social Gastronomy in unterschiedlichen Kontexten. Von Ernährungspolitik in Brasilien über Integrationsarbeit in Italien bis hin zu Community Kitchens in Amsterdam und Berlin wird sichtbar, wie vielfältig Gastronomie als soziale Infrastruktur sein kann.

Was bedeutet das für die Praxis?

Die Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, aber sie verweisen auf gemeinsame Prinzipien:

  • Gastronomie kann soziale Infrastruktur sein, wenn sie politisch gewollt und entsprechend gestaltet wird
  • Integration funktioniert dort am besten, wo Menschen nicht nur teilnehmen, sondern sichtbar werden
  • Gemeinschaftliche Orte brauchen aktive Beteiligung und klare Strukturen
  • Projekte sind nur dann langfristig tragfähig, wenn sie von den Communities mitgetragen werden

Gerade in Städten wie Berlin, wo viele Initiativen unter wirtschaftlichem Druck stehen und gleichzeitig eine vielfältige Food-Szene existiert, ist das besonders relevant. Vieles von dem, was heute als Social Gastronomy beschrieben wird, hat hier längst Tradition. Oft in selbstorganisierten, migrantisch geprägten oder nachbarschaftlichen Kontexten.

Die Herausforderung besteht darin, diese Ansätze nicht als Nischenphänomene zu behandeln, sondern als Teil eines größeren Systems zu verstehen. Eines Systems, in dem Küchen mehr sind als Produktionsorte für Mahlzeiten. Sondern Orte, an denen Gesellschaft entsteht.

Social Gastronomy weiterdenken

Viele der Ansätze aus Brasilien, Italien oder den Niederlanden lassen sich nicht eins zu eins übertragen. Und doch zeigen sie, was möglich ist, wenn Gastronomie als Teil sozialer Infrastruktur gedacht wird.

Gerade für die Gemeinschaftsgastronomie zeigt sich hier ein bislang unterschätztes Potenzial innerhalb des Ernährungssystems.

Die zentrale Frage: Welche Rolle können sie über die reine Versorgung hinaus einnehmen? Als Orte der Begegnung, der Teilhabe und der lokalen Verankerung sind die Voraussetzungen dafür bereits da.

Social Gastronomy ist deshalb weniger ein eigenes Feld als eine Perspektive auf bestehende Strukturen. Eine, die sichtbar macht, welches Potenzial in ihnen steckt.

Über die Veranstaltung

Dieser Beitrag basiert auf Impulsen aus einem Kantine-Zukunft-Talk zum Thema Social Gastronomy, der am 22. April 2026 in Berlin stattfand.

Im Mittelpunkt standen internationale Beispiele und lokale Perspektiven darauf, wie Gastronomie Gemeinschaft stärken und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen kann.

Mit Beiträgen von:

  • Juliana Tângari, Comida do Amanhã, Brasilien
  • Caroline Caporossi, Roots und Association for the Integration of Women, Modena
  • Sophia Zhukovsky, De Sering, Amsterdam
  • Kavita Meelu, Kulturanthropologin und Kuratorin, Berlin

Ergänzt wurden die Impulse durch einen „Markt der Möglichkeiten“ mit Berliner Projekten und Initiativen, darunter unter anderem Restlos Glücklich, Tafel Deutschland, Die Gemeinschaft und Yeşil Çember. Dabei kamen Gäste aus Praxis, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft miteinander ins Gespräch und tauschten Erfahrungen, Herausforderungen und konkrete Ansätze aus der Berliner Food-Szene aus.

Die Veranstaltung ist Teil der Kantine-Zukunft-Talkreihe, die sich mit der Rolle öffentlicher Gemeinschaftsgastronomie und zukunftsfähiger Ernährungssysteme beschäftigt.

Die vollständige Aufzeichnung der Vorträge ist hier im Beitrag eingebettet.

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